Psychologische Beratung in der Arbeitswelt

Psychologische Beratung in der Arbeitswelt

Psychologische Beratung in der Arbeitswelt – Warum sie unverzichtbar ist (mit Zahlen, Fakten und Quellen für Politik, Unternehmen und Wissenschaft).

VpsyB e.V. Verband Psychologischer Berater Association for non medical counselors

Psychische Belastungen sind in der Arbeitswelt zur strukturellen Herausforderung geworden.

Psychische Belastungen sind in der Arbeitswelt zur strukturellen Herausforderung geworden.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen erreichen Jahr für Jahr neue Höchststände, die volkswirtschaftlichen Kosten gehen in zweistelligen Milliardenhöhen, und der Bedarf an niedrigschwelliger, professioneller Unterstützung wächst rasant.

Psychologische Beratung außerhalb der Heilkunde – primärpräventiv ausgerichtet, in der Arbeitswelt insbesondere als Lotse Mental Health Guide oder im Rahmen eines Employee Assistance Program (EAP) – bietet einen wirksamen, evidenzbasierten Ansatz, um diesem Bedarf zu begegnen

Die Lage: Zahlen und Fakten

Krankenstand und Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen

  • 342 Fehltage je 100 Beschäftigte verursachten psychische Erkrankungen 2024 in Deutschland. (DAK Psychreport 2025)
  • Platz 3 der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit – mit einem Anteil von 17,4 Prozent an allen Fehltagen. (DAK Gesundheitsreport 2025)
  • 33 Tage durchschnittliche Falldauer bei psychisch bedingter Krankschreibung – mehr als das Doppelte des Gesamtdurchschnitts. (DAK Psychreport 2025)
  • Sieben Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung waren 2024 mindestens einmal aufgrund einer psychischen Erkrankung krankgeschrieben. (DAK Psychreport 2025)
Besonders betroffen sind Beschäftigte in sozialen Berufen: In Kindertagesstätten entfallen auf 100 Versicherte 586 psychisch bedingte Fehltage, in der Altenpflege 573 Tage – bis zu 71 Prozent über dem Branchendurchschnitt (DAK Psychreport 2025).

Volkswirtschaftliche Dimension

  • 20,5 Mrd. € Produktionsausfallkosten durch psychische Erkrankungen in Deutschland (2023). (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, BAuA)
  • 35,4 Mrd. € Verlust an Bruttowertschöpfung durch psychisch bedingte Arbeitsausfälle. (BAuA 2023)
  • 63,3 Mrd. € Gesundheitsausgaben für psychische Störungen in Deutschland 2023 – 12,9 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben. (Statistisches Bundesamt)
  • 4,8 Prozent des BIP betragen die Gesamtkosten psychischer Erkrankungen in Deutschland (direkte und indirekte Kosten) – über dem EU-Durchschnitt von 4,1 Prozent. (OECD)
  • ca. 1 Billion US-Dollar betragen die jährlichen globalen Produktivitätsverluste durch Depressionen und Angststörungen. (Weltgesundheitsorganisation, WHO)

Zum Anstieg trägt auch der sogenannte Präsentismus bei –

die eingeschränkte Leistungsfähigkeit anwesender, aber faktisch nicht voll arbeitsfähiger Beschäftigter.

Die WHO schätzt, dass Depressionen und Angststörungen die individuelle Produktivität um bis zu 50 Prozent reduzieren können.

Wirksamkeit von Beratung und Frühintervention

Investitionen in psychologische Beratung in der Arbeitswelt rechnen sich. Mehrere internationale Studien belegen den Return on Investment (ROI) und die gesundheitlichen Effekte:
  • −30 Prozent Fehltage bei EAP-Nutzerinnen und -Nutzern im Vergleich zu vergleichbar belasteten Beschäftigten ohne Beratung. (Richmond et al., Journal of Occupational Health Psychology, 2017)
  • ROI 1 : 4 bis 1 : 5 für jeden in EAP-Maßnahmen investierten Euro – durch reduzierte Fehlzeiten, geringere Fluktuation und höhere Produktivität. (Meta-Analysen zur EAP-Wirksamkeit)
  • ROI 1 : 5,6 bei proaktiven, unternehmensweiten Interventionen zur psychischen Gesundheit. (Deloitte Mental Health Studie)

Die Wirksamkeit psychosozialer Frühintervention ist auch im deutschsprachigen Raum belegt.

Eine Begleitstudie zu einem Mitarbeiterberatungsangebot in einem deutschen Unternehmen zeigte signifikant reduzierte Depressions- und Angstsymptome mehrere Monate nach der Beratung –

analog zu Befunden aus dem internationalen Forschungsstand.

Warum klassische Versorgungsstrukturen allein nicht ausreichen

Die Versorgungslücke zwischen wachsendem Bedarf und verfügbarer Versorgung wird größer:

Lange Wartezeiten in der Psychotherapie.

Wer psychotherapeutische Behandlung benötigt, wartet im Bundesdurchschnitt rund ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz; in ländlichen Regionen oft erheblich länger.

Hohe Schwelle der heilkundlichen Versorgung.

Psychotherapie setzt eine diagnostizierte psychische Erkrankung voraus. Menschen in belastenden Lebenslagen ohne Krankheitswert finden hier keinen Zugang – obwohl frühzeitige Unterstützung Chronifizierung verhindern kann.

Strukturelle Engpässe in der hausärztlichen Versorgung.

Hausärztliche Praxen können unter den Bedingungen der Regelversorgung kaum noch psychosozial begleitende Funktionen übernehmen

Niedrige Inanspruchnahme bei manifestem Bedarf.

Stigmatisierung und Hemmschwellen führen dazu, dass viele Belastete erst dann Hilfe suchen, wenn die Belastungen bereits chronifiziert sind.

Genau diesen Zwischenraum schließt psychologische Beratung außerhalb der Heilkunde im Unternehmenskontext: niedrigschwellig, vertraulich, kompetenzfördernd – und primärpräventiv ausgerichtet.

Der rechtliche Rahmen: Pflichten der Arbeitgeber

Psychische Belastungen am Arbeitsplatz sind nicht nur ein gesundheitspolitisches, sondern auch ein arbeitsrechtliches Thema. Seit der Novelle des Arbeitsschutzgesetzes 2013 ist die Berücksichtigung psychischer Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung gesetzlich verankert.

§ 5 Absatz 3 ArbSchG verpflichtet jeden Arbeitgeber – unabhängig von Branche und Unternehmensgröße – psychische Belastungen am Arbeitsplatz systematisch zu beurteilen und geeignete Schutzmaßnahmen abzuleiten.

Die Dokumentationspflicht ergibt sich aus § 6 ArbSchG.

Die Realität in den Betrieben sieht anders aus: Untersuchungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigen, dass nur rund 21 Prozent der deutschen Unternehmen die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung tatsächlich durchführen (Beck & Lenhardt, BAuA).

Bei Verstößen drohen Bußgelder bis 30.000 Euro nach § 25 ArbSchG sowie zivilrechtliche Haftungsrisiken bei nachweisbaren Gesundheitsschäden.

Die Gefährdungsbeurteilung ist dabei als Strukturmaßnahme angelegt – sie analysiert Arbeitsbedingungen, nicht einzelne Personen.

Wirksame Prävention erfordert zusätzlich individuelle, niedrigschwellige Unterstützungsangebote:

Hier setzen Lotse Mental Health Guide und EAP-Beratung an.

Der Lösungsansatz: Psychologische Beratung außerhalb der Heilkunde

Der VpsyB e.V. hat – in Kooperation mit Gesundheitsstrategen – zwei eigenständige, qualitätsgesicherte Tätigkeitsfelder für psychologische Beratung in der Arbeitswelt definiert. Beide arbeiten primärpräventiv, beide klar außerhalb der Heilkunde, und beide ergänzen einander:

Lotse Mental Health Guide – Orientierung und Navigation

Der Lotse ist die erste Anlaufstelle. Er hilft Mitarbeitenden, Belastungssituationen einzuordnen, das richtige Unterstützungsangebot zu finden und Hemmschwellen zur professionellen Hilfe abzubauen. Schwerpunkt ist die Navigation im internen und externen Hilfesystem – mit klarer Abgrenzung: keine Diagnostik, keine heilkundliche Behandlung, keine Psychotherapie.

Psychologischer EAP-Berater – Vertrauliche Kurzzeitberatung

Im Rahmen eines Employee Assistance Program bieten Psychologische EAP-Berater vertrauliche, strukturierte Kurzzeitberatung bei beruflichen und privaten Belastungen. Im Mittelpunkt stehen Entlastung, Stabilisierung und Kompetenzaufbau – ressourcenorientiert, alltagsnah und ebenfalls außerhalb der Heilkunde.

Beide Rollen sind kompatibel mit der gesetzlichen Pflicht zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung nach § 5 ArbSchG: Während die Gefährdungsbeurteilung strukturelle Faktoren adressiert, ergänzen Lotse und EAP-Berater die individuelle, niedrigschwellige Unterstützung.

Der Nutzen für Unternehmen, Mitarbeitende und Gesellschaft

I Für Unternehmen

Reduzierung von Fehlzeiten und Präsentismus.
Studien belegen Rückgänge von bis zu 30 Prozent bei psychisch bedingten Fehltagen durch EAP-Nutzung.

Erfüllung gesetzlicher Pflichten.
Lotse und EAP ergänzen die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung um konkrete individuelle Maßnahmen – ein Baustein eines belastbaren betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Mitarbeiterbindung und Arbeitgeberattraktivität.
Vertrauliche, professionelle Unterstützungsangebote stärken die Bindung qualifizierter Fachkräfte – ein zentraler Faktor in Zeiten des Fachkräftemangels.

Entlastung von Führungskräften.
Eine externe, neutrale Anlaufstelle entlastet Führungskräfte in Situationen, in denen sie keine Beratungsfunktion übernehmen können oder sollen.

Belegter Return on Investment.
Internationale Studien zeigen einen ROI zwischen 1 : 4 und 1 : 5,6 – Investitionen in psychologische Beratung amortisieren sich mehrfach.

II Für Mitarbeitende

Niedrigschwelliger Zugang.
Anonyme, vertrauliche Beratung ohne Wartezeiten und ohne Pathologisierung.

Frühzeitige Klärung.
Belastungen werden bearbeitet, bevor sie chronifizieren.

Stärkung eigener Ressourcen.
Beratung fördert Selbstwirksamkeit, Bewältigungskompetenzen und Resilienz

Professionelle Weitervermittlung.
Wo es heilkundliche Versorgung braucht, sorgt der Lotse für eine zeitnahe, sachgerechte Vermittlung.

III Für die Gesellschaft

Entlastung des Versorgungssystems.
Wer frühzeitig professionelle Beratung erhält, benötigt seltener heilkundliche Behandlung.

Senkung volkswirtschaftlicher Kosten.
Primärprävention wirkt direkt auf die jährlich zweistelligen Milliarden-Verluste durch psychische Erkrankungen

Beitrag zu einer resilienten Gesellschaft.
Psychisch gesunde Beschäftigte sind die Grundlage einer leistungsfähigen, zukunftsorientierten Wirtschaft – und einer demokratisch stabilen Gesellschaft.

Was wir von Politik und Wirtschaft erwarten

Der VpsyB e.V. setzt sich für eine systematische Stärkung der psychologischen Beratung außerhalb der Heilkunde im Arbeitskontext ein. Dazu gehören:

Anerkennung des Berufsbildes.
Eine politische und rechtliche Anerkennung der psychologischen Beratung außerhalb der Heilkunde – einschließlich der Spezialprofile Lotse Mental Health Guide und Psychologischer EAP-Berater

Verbindliche Qualitätsstandards.
Einheitliche Qualifikations-, Aus- und Weiterbildungsstandards, getragen von einem starken Berufsverband.

Integration in betriebliche Präventionsstrategien.
Stärkere Verankerung primärpräventiver Beratungsangebote in der betrieblichen Gesundheitsförderung und in der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung.

Förderung der Forschung.
Mehr Forschung zur Wirksamkeit psychosozialer Frühintervention im deutschsprachigen Raum – bisher ist die internationale Studienlage deutlich besser entwickelt als die deutsche.

Vernetzung im EU-Kontext.
Vergleichbare Standards mit den deutschsprachigen Schengen-Ländern und der EU – im Rahmen des VpsyB Mental Health Programms.

Im Dialog mit Politik, Wissenschaft und Wirtschaft

Der VpsyB e.V. steht als Ansprechpartner für Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Unternehmen bereit. Wir freuen uns über den fachlichen Austausch – etwa im Rahmen von Anhörungen, Forschungskooperationen, Stellungnahmen oder gemeinsamen Initiativen zur Stärkung psychischer Gesundheit in der Arbeitswelt.

Neue Berufsbilder Lotse Mental Health Guide & Psychologischer EAP-Berater (VpsyB e.V.)

Psychologische Beratung in der Arbeitswelt – zwei neue Berufsprofile für die Arbeitswelt 4.0

Quellen

  • Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), insbesondere § 5 (Beurteilung der Arbeitsbedingungen, Aufnahme psychischer Belastung 2013) und § 6 (Dokumentation).
  • Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) (2023): Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit.
  • Beck, D.; Lenhardt, U. (2019, BAuA): Untersuchung zur Verbreitung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung in deutschen Betrieben.
  • Bödeker, W.; Friedrichs, M. (Hans-Böckler-Stiftung): Kosten psychischer Belastungen am Arbeitsplatz in Deutschland.
  • Caplan, G. (1964): Principles of Preventive Psychiatry. New York: Basic Books.
  • DAK-Gesundheit / IGES Institut (2025): Psychreport 2025 – Auswertung von Arbeitsunfähigkeitsdaten von 2,42 Millionen erwerbstätigen DAK-Versicherten für das Jahr 2024.
  • DAK-Gesundheit (2025): Gesundheitsreport 2025 – Generation Z in der Arbeitswelt.
  • Deloitte: Mental Health and Employers – The Case for Investment (Studien zur ROI-Berechnung präventiver Maßnahmen).
  • OECD (2018): Health at a Glance: Europe 2018 – State of Health in the EU Cycle.
  • Richmond, M. K.; Pampel, F. C.; Wood, R. C.; Nunes, A. P. (2017): The Impact of Employee Assistance Services on Workplace Outcomes: Results of a Prospective, Quasi-Experimental Study. Journal of Occupational Health Psychology, 22(2), 170–179.
  • Statistisches Bundesamt (Destatis): Krankheitskosten-Statistik.
  • Techniker Krankenkasse (2025): Gesundheitsreport 2025.
  • Weltgesundheitsorganisation (WHO): Mental Health in the Workplace; Global cost estimates of depression and anxiety disorders.
  • Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO) (2024): Gesundheitsatlas Deutschland – Depressionen.

Weiterführende Information

Pressekontakt: in**@***yb.org  –  Tel: 089-23543044]
Verantwortlich: Hon.-Prof. Sandra Neumayr-Sopp, Präsidentin VpsyB e. V.