Psychologische Beratung als Beitrag zur Primärprävention in Deutschland
Was wir tun und warum — Psychologische Beratung als Beitrag zur Primärprävention in Deutschland
Position des Verbands psychologischer Berater e. V. (VpsyB) zu einem versorgungsrelevanten, aber bislang unzureichend anerkannten Berufsfeld
Worum es geht
Psychische Belastungen sind in Deutschland längst zu einer der zentralen gesundheitlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen geworden. Sie entstehen selten aus einer einzelnen Ursache. Beziehungs- und Familienkonflikte, Trennungen, Einsamkeit, Lebensübergänge wie Elternschaft, Pflege von Angehörigen, berufliche Neuorientierung oder Eintritt in den Ruhestand, Erschöpfung am Arbeitsplatz, finanzielle Sorgen oder Sinnkrisen können einzeln oder im Zusammenspiel zur Belastung werden. Wo professionelle Hilfe rechtzeitig und niederschwellig verfügbar ist, lassen sich diese Belastungen oft in einem frühen Stadium bearbeiten, bevor sie sich zu manifesten Erkrankungen verdichten. Wo sie nicht verfügbar ist, entstehen Folgekosten — menschlich wie ökonomisch.
Der Verband psychologischer Berater e. V. (VpsyB) ist der einzige Berufsverband in Deutschland, der psychologische Beraterinnen und Berater außerhalb der Heilkunde auf wissenschaftlich fundierter Grundlage vertritt.
Wir setzen uns dafür ein, dass dieses Berufsfeld als das anerkannt wird, was es ist: ein qualifizierter, klar von der Heilkunde abgegrenzter, primärpräventiver Beitrag zur seelischen Gesundheit der Bevölkerung.
Die Ausgangslage in Zahlen und Fakten
Drei Befunde prägen die gegenwärtige Versorgungslandschaft in Deutschland und werden in der gesundheitspolitischen Debatte regelmäßig zitiert:
- Psychische Erkrankungen zählen seit Jahren zu den führenden Ursachen von Arbeitsunfähigkeit. Sie stehen in den meisten Statistiken zur Arbeitsunfähigkeit an erster oder zweiter Stelle, und die Zahl der entsprechenden Arbeitsunfähigkeitstage hat in den letzten Jahren wiederholt Rekordwerte erreicht (vgl. Jahresberichte der gesetzlichen Krankenkassen; BAuA-Stressreport-Reihe; Wittchen et al., 2011).
- Die Prävalenz depressiver Symptomatik in der erwachsenen Bevölkerung bewegt sich nach Daten des Robert Koch-Instituts auf anhaltend hohem Niveau (Robert Koch-Institut, laufend aktualisiert; DEGS-Modul psychische Gesundheit).
- Und die Wartezeiten auf einen approbierten Psychotherapieplatz liegen nach Erhebungen der Bundespsychotherapeutenkammer im bundesweiten Durchschnitt bei rund zwanzig Wochen, in strukturschwachen Regionen erheblich darüber (Bundespsychotherapeutenkammer, laufend aktualisiert).
Diese Befunde sind in ihrer Bedeutung weit über das individuelle Krankheitsgeschehen hinaus relevant.
Wenn Menschen mit ersten Anzeichen einer Belastung Monate auf eine fachliche Begleitung warten müssen, geraten sie in eine Phase, in der sich Symptome verfestigen, soziale Beziehungen sich erschöpfen und berufliche Leistungsfähigkeit nachlässt.
Aus einem überschaubaren, oft gut bearbeitbaren Anliegen wird so nicht selten eine ernsthafte Erkrankung mit langfristigen Folgen.
Die Vielfalt psychischer Belastungen — keine Monokausalität
Partnerschaft und Beziehung.
Anhaltende Paarkonflikte, Trennung und Scheidung, ungelöste Kommunikationsmuster oder Krisen nach gemeinsamen Lebensereignissen sind in der Forschung gut belegte Risikofaktoren für depressive Symptome, Schlafstörungen und Erschöpfung. Eine fachliche Begleitung in dieser Phase kann verhindern, dass aus einem Beziehungskonflikt eine individuelle Erkrankung wird.
Familie und Erziehung.
Erziehungskonflikte, Geschwisterprobleme, generationenübergreifende Spannungen, Patchwork-Konstellationen oder Konflikte um Pflege und Verantwortung in der Familie binden enorme emotionale Ressourcen. Wenn diese Dynamiken nicht bearbeitet werden, geraten oft mehrere Familienmitglieder gleichzeitig in eine Belastungsspirale.
Pflegende und betreuende Angehörige.
Die Forschungsliteratur dokumentiert konsistent deutlich erhöhte Raten an Erschöpfung, depressiven Symptomen und eigener Inanspruchnahme medizinischer Versorgung bei Personen, die über Monate oder Jahre Angehörige pflegen oder begleiten (vgl. Pinquart & Sörensen, 2003).
Aus den Hilfesuchenden von heute werden ohne präventive Begleitung nicht selten die Patientinnen und Patienten von morgen.
Einsamkeit und soziale Isolation.
Einsamkeit ist nach Befunden der Public-Health-Forschung ein eigenständiger Risikofaktor für psychische und körperliche Erkrankungen, vergleichbar mit klassischen Risikofaktoren wie Bewegungsmangel oder Rauchen (vgl. Holt-Lunstad et al., 2015).
Sie betrifft längst nicht nur ältere Menschen, sondern auch junge Erwachsene, Alleinerziehende, Berufseinsteigerinnen und -einsteiger sowie Menschen in beruflichen oder familiären Übergangsphasen.
Lebensübergänge.
Elternschaft, Trennung, Verlusterfahrungen, beruflicher Wechsel, Auszug der Kinder, Eintritt in den Ruhestand und das Bewältigen von Krankheits- oder Pflegefällen im Umfeld sind Phasen erhöhter psychischer Vulnerabilität.
Solche Übergänge sind keine Erkrankungen — aber sie sind risikoreiche Phasen, in denen niederschwellige Begleitung wirksam vorbeugen kann.
Arbeitswelt.
Hohe Arbeitsdichte, Konflikte am Arbeitsplatz, Führungsprobleme, Veränderungsprozesse, drohender Arbeitsplatzverlust, Mobbing, fehlende Anerkennung und unklare Rollen wirken nachweislich auf die seelische Gesundheit (vgl. BAuA, laufend aktualisiert; Goetzel et al., 2014).
Die seit 2013 gesetzlich verpflichtende Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung nach § 5 Arbeitsschutzgesetz ist in den meisten Unternehmen zwar etabliert, in der Folge fehlen jedoch häufig die niederschwelligen Anschlussangebote, die Beschäftigte tatsächlich entlasten könnten.
Sinn-, Identitäts- und Orientierungsfragen.
Lebenskrisen, Wertekonflikte, Erfahrungen von Sinnverlust, Identitätsfragen in einer veränderten Lebensphase oder ungelöste biografische Themen können ebenfalls zu erheblicher Belastung führen, ohne dass eine medizinische Diagnose vorliegt oder gerechtfertigt wäre (vgl. Antonovsky, 1987).
Belastungen aus dem weiteren Umfeld.
Finanzielle Sorgen, Wohnungsprobleme, gesellschaftliche Krisenerfahrungen oder Diskriminierungserfahrungen wirken zusätzlich verstärkend auf alle genannten Felder. Auch sie sind in einer multikausalen Betrachtung psychischer Gesundheit zu berücksichtigen.
Diese Aufzählung ist nicht abschließend, und in der Realität wirken die genannten Felder fast immer zusammen. Eine Trennungssituation trifft auf berufliche Belastung, eine Pflegesituation auf finanzielle Sorgen, eine Sinnfrage auf Einsamkeit. Genau deshalb braucht es ein niederschwelliges Beratungsangebot, das früh ansetzt und ohne diagnostische Etikettierung wirken kann.
Was Primärprävention leistet — und was nicht
Die fachliche Einordnung folgt der klassischen Dreiteilung der Präventionssystematik nach Caplan (1964).
- Primärprävention richtet sich an gesunde Menschen mit dem Ziel, das Auftreten von Belastungen und Erkrankungen zu vermeiden.
- Sekundärprävention zielt auf Früherkennung bei Risikogruppen, Tertiärprävention auf die Verhinderung von Krankheitsfolgen bei bereits Erkrankten.
Psychologische Beratung außerhalb der Heilkunde ist klar in der Primärprävention verankert. Sie ist keine Behandlung, keine Therapie und keine Heilkunde — und sie soll es auch nicht sein.
Der Berufsstand definiert sich gerade über diese Abgrenzung, die in der Berufsordnung, in der Zertifizierungsordnung und im Code of Conduct des VpsyB verbindlich verankert ist.
Die internationale Forschung zu kurzen, niederschwelligen psychosozialen Interventionen — insbesondere die Metaanalyse von Cape, Whittington, Buszewicz, Wallace und Underwood (2010) zu kurzen psychologischen Interventionen in der Primärversorgung sowie die Metaanalyse von Cuijpers, van Straten, van Schaik und Andersson (2009) — belegt, dass auch unterhalb der klinisch-therapeutischen Schwelle relevante Verbesserungen im Wohlbefinden und in der Belastungsbewältigung erreicht werden können.
Theoretische Anker liefern darüber hinaus die salutogenetische Perspektive Antonovskys (1987), das Konzept der Selbstwirksamkeit Banduras (1997) und die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung (Weltgesundheitsorganisation, 1986).
Die psychologische Beratung außerhalb der Heilkunde nimmt damit eine Funktion ein, die das approbierte Versorgungssystem nicht ersetzt, sondern entlastet und sinnvoll ergänzt.
Der ökonomische Hintergrund: Wer trägt die Kosten?
Die volkswirtschaftliche Dimension psychischer Belastungen ist erheblich. Die direkten und indirekten Kosten — Behandlungsaufwand, Arbeitsunfähigkeit, vorzeitige Berentung, Produktivitätsverluste — werden in den jährlichen Berichten der gesetzlichen Krankenversicherung, der Deutschen Rentenversicherung und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin regelmäßig dokumentiert.
Sie summieren sich zu einer der größten Kostenpositionen im deutschen Gesundheits- und Sozialsystem (vgl. Wittchen et al., 2011, mit Schätzungen für Europa).
Diese Lasten verteilen sich auf mehrere Schultern. Sie treffen die öffentlichen Haushalte über die Sozialversicherungssysteme. Sie treffen Unternehmen — vom Konzern bis zum mittelständischen Familienbetrieb — über Krankenstände, Fluktuation, Wiedereingliederung und sinkende Produktivität.
Und sie treffen die Betroffenen und ihre Angehörigen unmittelbar, häufig auch finanziell.
Niederschwellige primärpräventive Angebote können einen substantiellen Entlastungsbeitrag leisten — bei strikter Einhaltung der Abgrenzung zur Heilkunde.
Diese Logik ist im Sozialgesetzbuch bereits angelegt: § 20 SGB V verpflichtet die gesetzlichen Krankenkassen seit Jahren zu Mindestausgaben für Leistungen der Primärprävention und Gesundheitsförderung.
Auch § 20b SGB V (betriebliche Gesundheitsförderung) und § 3 Nr. 34 EStG (steuerfreie Arbeitgeberleistungen für betriebliche Gesundheit) eröffnen Finanzierungswege, die psychologische Beratung außerhalb der Heilkunde sinnvoll und rechtskonform integrieren können.
Was wir konkret tun
Wir definieren und sichern Qualität.
Mit einem vierstufigen Zertifizierungssystem — Basic Certification (Psychological Counselor Associate), Professional Certification, Expert Certification und Seal of Excellence — und seiner Verankerung im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) und im European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS) macht der Verband transparent, welche Qualifikation hinter dem Begriff der psychologischen Beratung steht.
Eine verbindliche Berufsordnung, ein Code of Conduct, eine Beschwerdeordnung und eine systematische Rezertifizierungsstruktur ergänzen das System.
Wir sichern die akademische Grundlage.
In Kooperation mit der Macromedia University of Applied Sciences trägt der Verband den bundesweit ersten konsekutiven Masterstudiengang „Psychologische Beratung außerhalb der Heilkunde“ und sichert damit die akademische Verankerung des Berufsbildes auf Masterniveau.
Die wissenschaftliche Leitung der Verbandsarbeit erfolgt durch eine Professur für Beratungspsychologie.
Wir entwickeln einen Ausbildungsrahmenplan.
Der Verband erarbeitet einen eigenständigen Ausbildungsrahmenplan, der Inhalte, Umfang und methodische Standards für die Ausbildung beschreibt und damit die fachliche Substanz markiert, die zertifizierte von nicht zertifizierten Marktteilnehmern unterscheidet.
Wir veröffentlichen Positionspapiere.
Eine Reihe fachlich fundierter Positionspapiere zu den zentralen Fragen der Anerkennung und Positionierung — von der rechtlichen Abgrenzung über die Selbstregulierung bis zur Rolle der Beratung in der Arbeitswelt — wird systematisch an Politik, Verwaltung, Kostenträger, Sozialpartner, Hochschulen und Fachpresse adressiert.
Wir stellen unsere eigene Wirksamkeit empirisch zur Diskussion.
Mit der PsyBer-Survey-Studie unter wissenschaftlicher Leitung von Hon.-Prof. Sandra Neumayr-Sopp führt der Verband die erste systematische empirische Erhebung zum Berufsfeld in Deutschland durch.
Die Studie ist als prospektive multizentrische Beobachtungsstudie im Drei-Kohorten-Design konzipiert, schließt Mitglieder und Nicht-Mitglieder ein und folgt einem methodisch transparenten, ethisch und datenschutzrechtlich abgesicherten Vorgehen.
Die Ergebnisse werden veröffentlicht — unabhängig davon, in welche Richtung sie ausfallen. Details zur Studie finden Sie nachfolgend.
Wir suchen den fachlichen Dialog.
Der Verband bringt sich aktiv in den Austausch mit Bundes- und Landesministerien, mit Bundestags- und Bundesratsausschüssen, mit den Spitzenverbänden der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung, mit den Sozialpartnern, mit Hochschulen und Hochschulgremien sowie mit Partnern im deutschsprachigen Raum ein.
Wir stärken die Anschlussfähigkeit in der Arbeitswelt.
Über bestehende Praxispartnerschaften im Bereich der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung nach § 5 Arbeitsschutzgesetz arbeiten wir an integrierten Angeboten, in denen auf eine identifizierte Belastung eine niederschwellige psychologische Beratung folgen kann — innerhalb der klaren Abgrenzung zur Heilkunde.
An wen sich dieses Anliegen richtet
Wir adressieren Politik, Verwaltung und Selbstverwaltung in Bund und Ländern, die Kostenträger des Gesundheitssystems, die Sozialpartner, die Hochschulen und die Fachöffentlichkeit.
Wir richten uns auch an die interessierte Allgemeinheit und an Medien, weil die Anerkennung eines Berufsbildes immer auch eine gesellschaftliche Verständigung darüber ist, welche Form von Hilfe wir wo und wann verfügbar haben wollen.
Die historischen Vergleichsfälle — Ergotherapie und Logopädie — zeigen, dass die Anerkennung eines Berufsfeldes regelmäßig mehrere Jahrzehnte beansprucht und einem stabilen Muster folgt:
- Praxis,
- Verband,
- Ausbildungsstandards,
- politische Arbeit,
- dann gesetzliche Verankerung.
Das Gesetz kommt zuletzt. Sichtbarkeit, Qualität und fachliche Anschlussfähigkeit kommen zuerst.
Unser Selbstverständnis
Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu approbierten Berufen, sondern als komplementärer Bestandteil einer gestuften Versorgungsstruktur, wie sie der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen seit Jahren empfiehlt.
Wir treten konsequent für die rechtliche Abgrenzung ein und lehnen jede Vermischung mit heilkundlicher Tätigkeit ab.
Wir setzen auf wissenschaftliche Evidenz statt auf Werbeversprechen.
Und wir halten an dem Grundsatz fest, dass viele psychische Belastungen multikausal entstehen und früh, niederschwellig und respektvoll begleitet werden sollten — bevor sie zu Erkrankungen werden.
Weiterführende Information
Auf den folgenden Seiten finden Sie
- eine Übersicht unserer Positionspapiere zu den einzelnen Themenfeldern
- sowie ausführliche Informationen zur PsyBer-Survey-Studie, der ersten systematischen empirischen Untersuchung des Berufsfeldes in Deutschland.
Verantwortlich: Hon.-Prof. Sandra Neumayr-Sopp, Präsidentin VpsyB e. V.
